Filofrühstück: vom Warten

Um 8:30 waren die ersten Pfannkuchen fertig, allerdings fehlten noch einige Studenten. Wie im Studienplan geschrieben bereiten wir uns vor auf unsere ‘Afrikareise’ und üben das Warten. Im Studienangebot steht beschrieben:
The Filofrühstück takes place at early Wednesday mornings.
The first two students who arrive make coffee and tea,
the third and fourth build and lay the tables,
the 5th serves coffee and tea in our famous ‚Goldgeschirr‘,
the 6th and 7th bring something to eat,
and then we start …
we stop at 10:00 so I hope the first ones arrive at 8:00 :-)

Um 9 waren tatsächlich 6 Studenten da, Tisch gedeckt, Essen fertig. Und wir warteten auf Nr. 7. Tranken einen Kaffee, aßen nochmal einen Pfannkuchen, …
Warten ist gar nicht so einfach. Ab und zu erzählt jemand eine Anekdote, aber es fühlte sich tatsächlich an wie warten, wie in einem Wartezimmer.
StudentInnen fangen an sms zu verschicken an abwesende StudentInnen, damit Nr. 7 auftaucht und wir loslegen können.
In Afrika kommt während dem Warten ständig jemand vorbei und verkauft etwas; Kaugummi, Hühner, Taschentücher, Schuhe aus Autoreifen, Reis, Musikkassetten.
Ich habe das Buch ‘Afrikanisches Fieber’ mit, von Riczard Kapuscinsky und ‘verkaufe’ folgenden Text:

Wir steigen in den Autobus und nehmen unseren Platz ein. In diesem Augenblick kann es zur Konfrontation zweier Kulturen, zur Kollision und zum Konflikt kommen. Das geschieht, wenn der Passagier ein Neuankömmling ist, der Afrika nicht kennt. So ein Mensch beginnt sich umzudrehen, umzuschauen und zu fragen: “Wann fährt der Autobus ab?” “Was heißt das”, sagt der Fahrer erstaunt. „Wenn so viele Leute beisammen sind, dass er bis auf den letzten Platz besetzt ist”.

Europäer und Afrikaner haben völlig unterschiedliche Zeitbegriffe, sie nehmen die Zeit anders wahr, haben eine andere Einstellung ihr gegenüber. In der Überzeugung des Europäers existiert die Zeit außerhalb des Menschen, objektiv, gleichsam außerhalb unserer selbst, und besitzt eine messbare lineare Qualität. Nach Newton ist die Zeit absolut:“ Die absolute, wirkliche und mathematische Zeit fließt in sich und in ihrer Natur gleichförmig, ohne Beziehung zu irgend etwas außerhalb ihrer Liegenden…“ Der Europäer sieht sich als Diener der Zeit, er ist von ihr abhängig, ihr untertan. Um existieren und funktionieren zu können, muss er ihre ehernen, unverrückbaren Gesetze, ihre starren Prinzipien und Regeln achten. Er muss Termine einhalten, Daten, Tage und Stunden. Er bewegt sich innerhalb des Getriebes nicht existieren. Dieses Getriebe drückt ihm seine Zwänge, Anforderungen und Normen auf. Zwischen dem Menschen und der Zeit besteht ein unlösbarer Konflikt, der immer mit der Niederlage des Menschen endet – die Zeit zerstört ihn.

Ganz anders sehen die Eingeborenen, die Afrikaner die Zeit. Für sie ist die Zeit eine ziemlich lockere, elastische, subjektive Kategorie. Der Mensch hat Einfluss auf die Gestaltung der Zeit, auf ihren Ablauf und Rhythmus (natürlich nur der Mensch, der im Einvernehmen mit den Vorfahren und Göttern handelt). Die Zeit ist sogar etwas, was der Mensch selbst schaffen kann, weil die Existenz der Zeit zum Beispiel in Ereignissen zum Ausdruck kommt, ob es aber zu diesem Ereignis kommt oder nicht, hängt schließlich vom Menschen ab. Wenn zwei Armeen auf eine Schlacht nicht stattgefunden (das heißt, die Zeit hat ihre Existenz nicht unter Beweis gestellt, existierte nicht). Die Zeit macht sich als Folge unserer Handelns bemerkbar, uns sie verschwindet, wenn wir etwas unterlassen oder überhaupt nichts tun. Sie ist eine Materie, die unter unserem Einfluss immer zum Leben erweckt werden kann, jedoch in einen Zustand des Tiefschlafs oder sogar der Nicht-Existenz versinkt, wenn wir ihr unsere Energie versagen. Die Zeit ist eine passive Kategorie und vor allem vom Menschen abhängig.

Eine völlige Umkehrung des europäischen Denkens.
In Umsetzung auf praktische Situationen bedeutet das, wenn wir in ein Dorf kommen, wo am Nachmittag eine Versammlung stattfinden soll, aber am Versammlungsort niemanden antreffen, ist es sinnlos zu fragen: „Wann wird die Versammlung stattfinden?“ Die Antwort ist nämlich von vornherein bekannt: „Wenn sich die Menschen versammelt haben.“

Daher wird auch ein Afrikaner, der in einen Autobus steigt niemals fragen, wann dieser abfährt, sondern wird einsteigen, sich auf einen freien Platz setzen uns sofort in jenen Zustand versinken, in dem er einen großen Teil seines Lebens zubringt – in den Zustand reglosen Wartens.

„Diese Menschen besitzen eine phantastische Fähigkeit zu warten!“ sagte mir ein Engländer, der seit Jahren hier lebt. „Eine Fähigkeit, eine Ausdauer, irgendwie einen ganzen anderen Sinn!“
Irgendwo in der Welt kreist und fließt eine geheimnisvolle Energie, die uns, wenn sie näherkommt und uns erfüllt, die nötige Kraft verleiht, um die Zeit in Bewegung zu setzen – etwas nimmt seinen Anfang. Solange aber das nicht der Fall ist, sind wir gezwungen zu warten – jedes andere Verhalten wäre müßig und eine Donquichotterie.
Worin Besteh dieses reglose Warten? Die Menschen verfallen in diesen Zustand im Wissen, was dann erfolgen wird: Sie richten sich so bequem wie möglich ein, an einem möglichst angenehmen Platz. Manchmal legen sie sich hin, oder sie hocken sich einfach auf die Erde, auf einen Stein oder auf die Fersen. Sie hören auf zu sprechen. Eine Menge reglos Wartender ist stumm. Sie gibt keinen Laut von sich, sie schweigt. Die Muskeln entspannen sich der Körper wird schlaff, rutscht tiefer, neigt sich nach vorn. Der Hals wird steif, der Kopf bewegt sich nicht mehr. Der Mensch schaut sich nicht um, er sieht nichts, ist nicht neugierig. Manchmal hält er die Augen geschlossen, aber nicht immer. Meist sind die Augen offen, doch der Blick ist abwesend, ohne einen Funken Lebens. Ich habe stundenlang Ansammlungen von Menschen in diesem Zustand regolsen Wartens beobachtet und kann daher sagen, dass die dabei in einen tiefen physiologischen Schlaf verfallen: Sie essen nicht, trinken nicht, schlagen kein Wasser ab. Sie reagieren nicht auf die erbarmungslos niederbrennende Sonne, auf die lästigen, gefräßigen Fliegen, die sich auf die Lider, den Mund setzen.
Was geht in dieser zeit in ihren Köpfen vor sich?
Ich weiß es nicht, ich habe keine Ahnung. Denken sie vielleicht nach? Träumen sie? Erinnern sie sich? Planen sie etwas? Meditieren sie? Befinden sie sich in einer anderen Welt? Es ist schwer zu sagen.

Um 5 Minuten vor 10 kommt die 7e StudentIn.
Sie wollte nicht kommen, aber wurde per sms aufgefordert und kam dann als 7e, damit wir mit dem Unterricht loslegen konnten. Um 10:00 allerdings war es wieder vorbei.
Und dann wurde sie auch noch beschimpft, dass sie erst so spät kam.

Eine sehr schöne Afrika-Übung wurde ich sagen.

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