Von Intim bis Urban

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Seth Weiner Wir essen; und durch diesen Prozess zerstören wir. Nicht nur aus der Not essen wir (Nahrung), sondern auch aus reinem Vergnügen (Hedonismus). Sowohl die Produktion, die das Essen umgibt, als auch die Handlung selbst sind erotisch, erosiv und immens ästhetisch. Wir halten Gabeln, Messer, Essstäbchen und Brotstücke nach den Codes, die wir aufgebaut und geerbt haben, und beugen sie gelegentlich aus Gründen der Höflichkeit. Wir positionieren diese Utensilien mit einer syntaktischen Präzision, die nicht unähnlich davon ist, wie unsere Zungen die Position in Kultur und Klasse aufnehmen und ausführen; Erinnerungen an die Geschichten, aus denen sie gezüchtet wurden, mit jedem aufeinanderfolgenden Akt des Schluckens, Sprechens und Scheißens.
Tischmanieren sind nur insofern lehrreich, als sie unser Verhalten prägen und auf zeremonielle Rituale verweisen. So streng diese kollektiven Rituale auch sein mögen, jeder einzelne Esser drückt ein Stück politischer und ästhetischer Autonomie Biss nach Biss aus: wenn sie ihren Reis in die Ecke eines Tellers drücken, Sauce von Fleisch und Gemüse absondern, isolationistische Inseln von Schlagkartoffeln bilden, schälen einzelne Nudeln aus ihren schalenförmigen Gemeinschaften, oder verwenden Sie die Enden einer Pommes Frites, um Hohlräume aus sorgfältig gezogenen Ketchuppools auszugraben.
Während dieser Akt des flüchtigen Ästhetizismus ein intimer und individualisierter Prozess ist, ist sein Rückstand städtebaulich. Die Nachwirkungen des Essens – einschließlich aller Aspekte seiner Montage – werden in einen Sammelbehälter, der gleichzeitig Luft, Erde und Meer ist, ausgeschieden. Diese Nachwirkungen sind sowohl zum Alptraum des Anthropozäns als auch seiner Muse geworden.
Anhand von Lebensmitteln als Modellmaterial experimentieren die Küchenkonversatorien mit dem Potenzial von Platte und Palette als Interventionsplatz. Indem man sich den Verdauungs- und ästhetischen Ritualen des Essens aus verschiedenen Maßstäben der Beziehung nähert, wird die Platte als eine politische Bühne für die Choreographie, die Proportionierung und den Verbrauch von Bedeutung behandelt, die ausgeführt werden sollen.
– 15 03 17 (Bearbeitung nach dem Ritual)
Digital- Vom Intim zum Urban

Küchenkonversatorien

14 03 2017 Raum & Design Strategien
Kunstuniversität Linz
4040 Linz, Reindlstrasse 16-18